Die Schweizerische Gesellschaft für Bildungsforschung (SGBF)

Prof. Dr. Sigrid Blömeke

Sigrid Blömeke - Kompetenz und Performanz bei Lehrkräften: Theoretische und empirische Modellierungen

Der Einzug des Kompetenzbegriffs in die Bildungsforschung war notgedrungen mit einem Umdenken in theoretischer und empirischer Hinsicht verbunden. Die traditionelle Orientierung an disziplinär strukturiertem Wissen, von der man schlicht annahm, dass sich bestimmte Lernergebnisse einstellten, wurde quasi „vom Kopf auf die Füße gestellt“. Ausgangspunkt der Modellierungen sind nun reale Anforderungen zum Beispiel im Berufsleben, womit die Schlussfolgerung verbunden ist, dass Kompetenzen weitgehend domänenspezifisch sind. Dieses Umdenken hat auch die Lehrer(bildungs)forschung erreicht.
Noch immer wird der Kompetenzbegriff in unterschiedlichen Disziplinen und Bildungstraditionen allerdings sehr unterschiedlich verwendet: mit einem eher dispositionalen Fokus auf Wissen, Einstellungen und affektiv-motivationalen Facetten vor allem in Deutschland, einem eher ganzheitlich-performanzorientierten Fokus vor allem in den USA oder – mittlerweile nur noch am Rande des Diskurses präsent – der früher in der Berufsbildung weit verbreitete Fokus auf Fach-, Methoden-, Sozial- und Personalkompetenz. Konzeptionelle Diskussionen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden in diesen Ansätzen einschließlich ihrer Reichweiten und Grenzen sind überfällig.
Die konzeptionelle Neukonzeption der Lehrer(bildungs)forschung durch die Einführung des Kompetenzbegriffs hat auch methodische Auswirkungen. Traditionelle Tests im Multiple-Choice-Format sind noch immer zentral, wenn es um die Erfassung deklarativen und zum Teil prozedularen Wissens geht. Stärker fähigkeitsorientierte Facetten wie die Planung von Handlungen oder gar situierte bzw. performanzorientiere Messungen wie die Wahrnehmung von Situationen bzw. das Reagieren darauf lassen sich so aber nur schwerlich durchführen. Hier sind neue Instrumente von nötigen, was wiederum mit erhöhten Anforderungen an das Skalieren und Analysieren der Daten verbunden ist.
Lässt man sich aber auf die neuen Perspektiven ein, die mit dem Kompetenzbegriff verbunden sind, ermöglicht dies zahlreiche interessante Forschungsfragen. Wie spielen beispielsweise Wissen und Einstellungen zusammen? Welche Prozesse finden in der Transformation von Dispositionen in Performanz statt – handelt es sich überhaupt um eine Transformation? Wie entwickeln sich Kompetenzen im Übergang in das Berufsleben und was sind förderliche bzw. hemmende Faktoren? Auf der Basis einer konzeptionellen und methodischen Diskussion versucht der Vortrag erste Antworten auf diese Fragen zu geben.

 

Literatur
Blömeke, S., Gustafsson, J.-E. & Shavelson, R. (in press). Beyond dichotomies: Viewing competence as a continuum. Zeitschrift für Psychologie – Special Issue “Assessment of Competencies”.