Die Schweizerische Gesellschaft für Bildungsforschung (SGBF)

Prof Dr. Kornelia Möller

Kornelia Möller - Lernen unterstützen und in der Lehrerausbildung darauf vorbereiten

Tiefes fachliches Verständnis und bewegliches Denken gehören zu den Zielen von Unterricht über alle Fächer hinweg. Um entsprechendes Wissen und Kompetenzen aufzubauen, benötigen Lernende aus kognitionspsychologischer Perspektive ein hohes Maß an kognitiver Eigentätigkeit. Offene Lernarrangements, wie z.B. problemorientierte, entdeckende und dialogische Unterrichtssituationen, schaffen zwar den notwendigen Raum für kognitiv-konstruktive Tätigkeiten, sind jedoch häufig so komplex und anspruchsvoll, dass es leicht zu einer Überforderung der Lernenden kommen kann. Der Lehrperson kommt daher die Aufgabe zu, die Lernenden in ihren anspruchsvollen Lernprozessen angemessen zu unterstützen.
Im Vortrag wird zunächst danach gefragt, auf welche Weise inhaltliche Lernprozesse in offenen Arrangements unterstützt werden können. Scaffolding-Ansätze bieten hierfür einen geeigneten theoretischen Rahmen. Dabei werden in Anlehnung an Reiser strukturierende und kognitiv aktivierende Unterstützungsmaßnahmen unterschieden. Kognitiv aktivierende Maßnahmen sollen die Lernenden kognitiv herausfordern, d.h. zum Nach- und Weiterdenken anregen, um die aktive Konstruktion von Vorstellungen und Begriffen zu ermöglichen. Das Einbringen herausfordernder und problemhaltiger Aufgaben, das Anknüpfen an Vorstellungen, welche die Schüler mit in den Unterricht hineinbringen, das Herbeiführen von kognitiven Konflikten durch Materialien oder sprachliche Impulse, das Hervorlocken von Begründungen,  das Fördern des Austausches der Lernenden untereinander und das Anregen von Transferprozessen sind Beispiele hierfür.  Strukturierende Maßnahmen sollen die Komplexität von Lernsituationen so reduzieren, dass Verstehensprozesse erleichtert werden und die Lernenden dem Unterrichtsgeschehen folgen können. Zur inhaltlichen Strukturierung gehören z.B. Maßnahmen des Hervorhebens und Zusammenfassens, die Wahl geeigneter Repräsentationsformen, die Sicherstellung der Zielklarheit und der Klarheit von Lehrer- und Schüleräußerungen sowie ein sinnvoll sequenzierter Unterrichtsaufbau. Im Vortrag werden die Maßnahmen am Beispiel des naturwissenschaftlichen Unterrichts mit jungen Kindern erläutert. Empirische Befunde zur Wirksamkeit entsprechender Maßnahmen aus dem Bereich der Unterrichtsqualitätsforschung werden berichtet.
Der zweite Teil des Vortrags widmet sich der Frage, wie die Fähigkeit, Lernprozesse angemessen zu unterstützen, im Rahmen der Lehrerausbildung gefördert werden kann. Neben der Erarbeitung des dafür notwendigen pädagogisch-psychologischen, fachlichen und fachdidaktischen Professionswissen scheint auch die Fähigkeit,  relevante Unterrichtssituationen im Hinblick auf das Unterstützen von Lernprozessen bemerken und analysieren zu können,  bedeutsam zu sein. Nur wenn die Lehrperson in der Lage ist, entsprechende Unterrichtssituationen selektiv wahrzunehmen und angemessen einzuschätzen, kann sie im komplexen Handlungsfluss bewusst und begründet agieren.  Die Fähigkeit, lernrelevante Ereignisse im komplexen Unterrichtsgeschehen zu bemerken und theoriegeleitet zu interpretieren, wird in Anlehnung an die Arbeitsgruppen von Sherin und Seidel als „Professionelle Unterrichtswahrnehmung“  bezeichnet. Im VIU-Projekt der Universität Münster wird derzeit bei Studierenden im Bachelorstudium untersucht, ob die professionelle Wahrnehmung der Lernunterstützung durch den Einsatz von Videos in der universitären Lehre gefördert werden kann. Videos bieten einerseits die Möglichkeit, die Komplexität von Unterrichtssituationen und den dichten Fluss des Unterrichtsgeschehens abbilden zu können; im Vergleich zur realen Praxissituation haben sie den Vorteil, leichter zugänglich und wiederholbar zu sein.  Im Vortrag werden die eingesetzten Instrumente, der Aufbau der Lehrseminare sowie  die ersten Ergebnisse zur Intervention aus der BMBF-geförderten VIU-Studie vorgestellt.